Im Rahmen der Deutschen Junioren-Meisterschaften (DJM) Ende Juni wurden Nora Dirks, Jan Hennecke und Marcus Elster für die Nationalmannschaft des DRV nominiert, welche zwischen dem 5. und 9. August in Rio de Janeiro an der Junioren-Weltmeisterschaft teilnehmen wird. Bereits am 2. Juli ging es für die drei Sportler des Regattaverbands Ems-Jade-Weser in ein 30tägiges Trainingslager nach Berlin-Grünau. Nachdem die Vorbereitung nun abgeschlossen ist und bereits die Taschen für Rio gepackt worden sind, stellen sich die Sportler den interessierten Fragen ihres Landestrainers Steffen Oldewurtel.

Oldewurtel: Jan, wie verlief die Mannschaftsbildung für dich?

Jan: Die viertägige Mannschaftsbildung bildete den Anfang der UWV (Trainingslager zur unmittelbaren Wettkampfvorbereitung) und bestand zunächst aus einem Ergotest, der aus Stufen mit vorgegebener Intensität zusammen gesetzt war. Dieser sollte bis zur vollständigen Ausbelastung gefahren werden. Am nächsten Tag folgten Messbootfahrten im Achter, wobei wir das erste Mal unseren Ruderschlag in Zahlen und Fakten erleben konnten. Die Daten dieser beiden Tests, sowie die Leistung, die wir über das Jahr auf den Regatten erreicht hatten, führten dann am Sonntagnachmittag zur Verkündung, wer in welchem Boot nach Rio fahren darf. Wir kämpften also vier Tage lang um einen Platz im Achter oder Vierer mit Steuermann, denn die anderen Bootsklassen standen schon vorher fest. Zur großen Überraschung durften wir dann zusammen im Vierer mit Steuermann hier auf der Spree trainieren. Auch wenn mir die Möglichkeit gegeben wurde, mich auch im Achter zu beweisen, stellte sich schon nach kurzer Zeit heraus, dass der Vierer mehr Spaß macht.

Ich persönlich fand die Mannschaftsbildung sehr stressig, weil man ständig beobachtet und kontrolliert wurde. Man musste als Einzelkämpfer diese Zeit überstehen, um dann als Mannschaft das Beste aus sich herauszuholen.

Oldewurtel: Wie läuft hier ein normaler Trainingstag für Dich ab?

Jan: Der Wecker klingelt jeden Tag um 5:40 Uhr, damit pünktlich um 6:00 Uhr der Imbiss eingenommen werden kann. Meistens geht es dann um 6:20 Uhr für ca. 20 km aufs Wasser. Eineinhalb Stunden später legen wir hungrig wieder am Steg an um ausgiebig zu frühstücken, damit wir die anschließenden 90 Minuten beim Hanteln überstehen. Sehr müde schleppt man sich danach zum Mittagessen, worauf der täglich Mittagschlaf folgt. Dieser war sehr wichtig. 15:30 Uhr geht es dann weiter mit der letzten 18km-Wassereinheit  für den Tag. Nach dem Abendbrot um 18 Uhr gibt es dann meist noch eine relativ erholsame Gymnastikeinheit mit den Physiotherapeuten. Um 22 Uhr fallen dann alle tot ins Bett und freuen sich, dass wieder ein Trainingstag im Kalender abgehakt werden kann.

Oldewurtel: Marcus, wo liegen die Unterschiede der UWV zu einem Team Nord-West Trainingslager?

Marcus: Zunächst einmal ist die UWV mit viereinhalb Wochen um einiges länger als ein Vereinstrainingslager. Außerdem sind die Inhalte der UWV zielgerichtet auf die Teilnahme an einer WM ausgelegt. Da merkt man noch einmal mehr den gestiegenen Anspruch. Außerdem sind die Leistungsdifferenzen der Sportler hier sehr gering, was ein enormer Ansporn ist, da man sich ja ständig mit den Besten messen muss. Auch die Unterstützung durch ein Team aus Physiotherapeuten, Leistungsdiagnostikern und Messtechnikern aus dem Bereich der Biomechanik stellt eine Bereicherung dar.

Spannend ist das Zusammenwachsen einer anfangs größtenteils fremden Gruppe von Einzelkämpfern zu einer neuen Gemeinschaft.

Oldewurtel: Nora, wo habt ihr Quartier bezogen?

Nora: Untergebracht wurden wir in der historischen Regattaanlage von Olympia 1936. Die Anlage ist in verschiedene Häuser aufgeteilt: Ost- Jungs / Mitte – Mädchen / West – Essensausgabe. Die Häuser wiederum sind in viele 2er und 4er Zimmer aufgeteilt, in denen es Betten, ein Waschbecken und für fast jeden einen Schrank gibt. Die Zimmer sind mit Teppich ausgelegt, der den Dreck und Schmutz der vorangegangenen Generationen beinhaltete und bei Hausstauballergikern zu Problemen führte. Dazu gibt es Großraum-Duschen und Toiletten in jedem Haus, sowie einen Gemeinschaftsraum. Da es keine weibliche Trainerin gab, musste Marc Swienty (Ratzeburg, Trainer Juniorinnen-Doppelzweier) als Aufsichtsperson bei den Damen mit einziehen. Zudem wurden drei Zimmer des Damenhauses zwischenzeitlich als Unterkunft für die Rekonvaleszenten genutzt. Mädchen durften das Herrenhaus nicht betreten und umgekehrt genauso. Irgendwann werden aber in jeder UWV die Regeln etwas gelockert und so durften die Terrasse allabendlich von beiden Geschlechtern zur selben Zeit betreten und genutzt werden.

Oldewurtel: Wurde eure Ernährung besonders gesteuert?

Nora: Die Vollverpflegung bestand aus einem festen Programm: Morgens Imbiss mit Schokoflakes & Co, dazu Milch oder Quark. Nach der ersten Trainingseinheit gibt es ein Frühstück bestehend aus Schrippen, ein bisschen Brot (was man nicht immer so gerne anrührt), einer großen Aufschnitt-Auswahl und Eistee, Kaffee oder O-Saft. Zum Mittagessen gibt es täglich braune Soße, dazu sehr abwechslungsreich Kartoffeln oder Nudeln und (nicht immer als solches zu erkennendes) Fleisch. Salat und Nachtisch ist immer vorhanden. Dazu Zuckerwasser/Eistee in Mengen. Das Abendessen ist ähnlich dem Frühstück, nur ohne die süßen Aufstriche, aber mit einer warmen Beilage.

Uns wurde natürlich ein Vortrag zu Ernährung gehalten. Aber ganz im Ernst, man kann diverse Tipps schlecht umsetzen mit den Mahlzeiten, die es hier gibt.

Professionalität herrscht aber bei der Kontrolle des körperlichen Zustands der Sportler. Tägliches Wiegen steht auf dem Programm und jeden zweiten Tag Blut- und Urinproben. Erhoben werden die CK-, HK- und HB-Werte. Davon abgeleitet werden dann Empfehlungen zur Ernährung, der Trinkmenge und der Elektrolyte. In Einzelfällen wird daraufhin auch der Trainingsinhalt umgestellt.

Oldewurtel: Gab es noch weitere medizinische Betreuung?

Nora: Es gibt zwei Physiotherapeuten, die täglich Gymnastik mit den Sportlern machen und zusätzlich jedem regelmäßig 20 Minuten physiotherapeutische Behandlung zu kommen lassen. Natürlich nicht für jeden täglich. Der Plan sieht eigentlich täglich abwechselnd Jungs und Mädchen vor, da einige von uns jedoch ernsthaftere Probleme mit ihren Knieen, Rücken, Schultern und einigen anderen Körperteilen haben, reicht die normale Massage nicht mehr aus und es fallen extra Termine an.

Die Medizin hier ist gut ausgestattet. Eine richtige Ärztin ist vor Ort, die täglich Anlaufstation von sehr vielen Sportlern ist, denn „Vorsicht ist besser als Nachsicht!“ und selbst mit Mückenstichen ist hier nicht zu spaßen, denn im letzten Jahr gab es deswegen bei einer Sportlerin ein zehntägigen Trainingsausfall. Das Allheilmittel ist eigentlich immer dreimal täglich zu inhalieren. So kommen ca. 15-20 Personen täglich zum Inhalieren vorbei. Dazu sind die restlichen medizinischen Kräfte auch gut genutzt, denn es wird bei vielen Trainingseinheiten zur Intensitätskontrolle Laktat abgenommen. Sei es beim Hanteln, beim Laufen oder nach den Belastungen auf dem Wasser.

Oldewurtel: Marcus, ihr seid auch im Messboot und mit Sonifikation unterwegs gewesen. Könntest du deine Erfahrungen mit diesen technischen Mitteln beschreiben?

Marcus: Im Messboot wird im Prinzip all das in physikalische Größen übersetzt, was ich während des Ruderns tue. So können meine Stärken und Schwächen gut aufgedeckt und zudem die Abstimmung der Mannschaft untereinander verbessert werden. Unser Vierer hat vom Messboot sehr profitieren können.

Beim Rudern mit Sonifikation wird die Beschleunigung des Bootes im Verlauf des Ruderschlages vertont. Dieser veränderbare Ton erleichtert die Ansteuerung des Bewegungsgefühls. Ich finde diese Technik gut und kann mir gut vorstellen, dass man damit Erfolge erzielen kann. Leider herrschte bei unserer Ausfahrt mit dieser Apparatur starker Wellengang, so dass wir nicht wirklich an unserer Rudertechnik arbeiten konnten. Es ist aber cool einen Einblick zu bekommen, was es im Rudersport noch für Möglichkeiten gibt.

Oldewurtel:  Jan, gab es auch Freizeit ?

Jan: Die Freizeitgestaltung war in diesem Trainingslager eher zweitrangig. Aber das war auch nicht der Zweck von vier Wochen Trainingslager. An einem unserer freien Nachmittage fuhren wir mir der gesamten DRV-Mannschaft zum Deutschen Bundestag und danach zu einem brasilianischen Restaurant, um einen kleinen kulinarischem Einblick zu erhaschen. Außerdem waren wir mit unserer Vierer-Mannschaft inklusive Trainer auf dem Berliner Fernsehturm. Aber sonst bestand unsere Freizeit meist aus schlafen und fernsehen.

Oldewurtel:  Marcus, was war dein persönliches Highlight in der Zeit in Berlin?

Marcus: Mein Highlight war eigentlich kein spezieller Moment, sondern dass unser Vierer von Anfang an so gut harmonierte und dass das Boot insgesamt gut lief. Dass wir dabei auch noch schnell waren, gab mir immer ein gutes Gefühl und Antrieb, so konnte ich mich gut auf Rio vorbereiten.

Oldewurtel:  Beschreibt doch bitte kurz die Besonderheiten eurer Bootsklassen!

Jan: Der Vierer-mit ist eine interessante Bootsklasse, weil wir mit vier Leuten zusammen arbeiten und dabei eine Steuerkeule haben, die uns rudertechnisch weiterhilft, aber auch Spaß und Disziplin mit in die Mannschaft bringt.

Marcus: Meine Bootsklasse ist der Vierer mit Steuermann. Auch wenn das Gewicht, das der Steuermann mit an Bord bringt, uns auch etwas langsamer macht, ist diese gesteuerte Variante für mich angenehmer als die ungesteuerte. Der Steuermann kümmert sich um viele Dinge, so dass ich mich nur aufs Rudern konzentrieren kann. Außerdem motiviert er uns andauernd und gibt uns wichtige Hinweise zur Rudertechnik und zum Rennverlauf.

Nora: Der Zweier ohne Steuermann ist als kleinste Riemenbootsgattung sehr windanfällig und man ist viel direkter auf seinen einzigen Partner angewiesen als in größeren Booten, da man ansonsten ja im Kreis fahren würde. Hier in Berlin ist aber stets Wind und Welle an der Tagesordnung, so dass es uns oft schwer fiel, überhaupt voran zu kommen. Der Vorteil bei einer kleinen Bootsklasse ist natürlich, dass vom Trainer mehr Rücksicht auf die einzelnen Personen genommen werden kann und so sind wir gut und gesund durch die UWV gekommen.

Oldewurtel:  Drei Dinge, an die ihr euch immer erinnern werdet ?

Jan: Sommer, Sonne, gutes Wetter; Internatsähnliche Zustände im 4er Zimmer nach vier Wochen; Entdecken der eigenen Möglichkeiten (die Trainingsumfänge sind tatsächlich realisierbar!)

Marcus: Die Härte des Trainingsplans der ersten Wochen; wie lange vier Wochen sein können; Rudern in einem Boot, das läuft macht auch nach 1000km noch Spaß!

Nora: Prinzessinnen-Gymnastik (Everyone  is dressed in pink); geistige Entspannung durch geregelte Tagesordnung = Fokus auf das Wesentliche; die Vorfreude aus das Essen zu Hause!

Oldewurtel: Eure persönlichen Wünsche für die Zeit in Rio?

Jan: ich wünsche mir, dass mir die WM Spaß macht und ich dort interessante Dinge erlebe.

Marcus: Ich hoffe zunächst, dass in Rio das Wetter so ist, wie man es sich vorstellt. Aber natürlich mache ich mir auch in sportlicher Hinsicht Hoffnungen. Mein größter Traum wäre es, am Finaltag auf das Siegerpodest steigen zu dürfen.

Nora: Ich wünsche mir, dass ich möglichst viele tolle Erfahrungen mit zurück nach Deutschland nehmen kann. Außerdem hoffe ich, dass sich unser monatelanges Training ausbezahlt und wir in der Lage sind unser bestes zu zeigen. Mein Ziel ist natürlich möglichst weit nach vorne zu fahren, aber ich wäre auch nicht enttäuscht, wenn es nicht klappt. Da die Reise nach Rio schon die Belohnung für eine hervorragende Saison war.